Decolonial Linguistics

Die dekoloniale Sprachwissenschaft zielt darauf ab, zu verstehen, wie die Kolonialität Praktiken und Konzepte in der sprachwissenschaftlichen Forschung geprägt hat, und die epistemischen Hierarchien zu hinterfragen, die westliche Wissensformen prägen. Insbesondere betont sie die Notwendigkeit einer kritischen Reflexion darüber, wie Wissen produziert, verbreitet und in die Sprachwissenschaft integriert wird, vor allem in Bezug auf den globalen Süden. Indem sie einen Paradigmenwechsel in der Betrachtung der Sprachwissenschaft als Fachgebiet fordert, unterscheidet sie zwischen dem „Feld“ im Sinne eines ethnografischen Forschungsgebiets und dem „Feld“ im Sinne einer institutionalisierten akademischen Disziplin, die historisiertes Wissen generiert (Deumert & Storch 2020). Erstens weist die dekoloniale Linguistik in ihrem feldbasierten Ansatz darauf hin, dass der Prozess der Dokumentation „einheimischer“ Sprachen Teil einer artefaktischen Ideologie ist, die insbesondere von Bloommaert (2008) analysiert wurde, als er den methodologischen Apparat, der zur Beschreibung „einer Sprache“ eingesetzt wird, mit der Produktion eines Diskurses „über Sprache“ in Verbindung brachte. Zweitens fordert die dekoloniale Linguistik in ihrem disziplinären Ansatz ein Umdenken darüber, was als Wissen und als wissenschaftliche Texte gilt, und hinterfragt damit den Logozentrismus der akademischen Forschung und dessen Verbindungen zur neoliberalen Konzeption von Wissen als marktfähiger Ware (Deumert & Makoni 2023).

Diese beiden Bereiche stehen im Mittelpunkt der Vorträge von Gastforschenden und Doktorand:innen aus den Bereichen Linguistik und Anthropologie. Teilnehmer:innen, die sich für die erkenntnistheoretischen Grundlagen der dekolonialen Linguistik interessieren oder sich mit epistemischen und praktischen Herausforderungen in ihrem zukünftigen Fachgebiet auseinandersetzen, aber mit den dabei herangezogenen Konzepten und Theorien noch nicht vertraut sind, können die vorbereitenden Texte lesen, um sich darauf vorzubereiten, über ihren disziplinären Rahmen hinauszuschauen und so ein besseres Verständnis für die Vielfalt des situierten Wissens zu erlangen.

Diese zweitägige externe Doktorandenschule bietet in der Schweiz ansässigen Doktorand:innen eine einzigartige Gelegenheit, an einer wichtigen internationalen Diskussion über Dekolonialisierung in der Wissenschaft teilzunehmen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Linguistik liegt.

 

Eingeladene Referent:innen

  • Prof. Ana Deumert, Institut für Afrikastudien und Sprachwissenschaft, University of Cape Town (Südafrika)
  • Prof. Virginia Zavala, Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft, Pontificia Universidad Católica del Perú (Peru)
  • Dr. Djouroukoro Diallo, Initiative Afrique, Universität Bern (Schweiz)

 

Referent:innen

Prof. Ana Deumert

Ana Deumert ist Professorin für Linguistik an der Universität Kapstadt. Ihr Forschungsprogramm ist im breiten Feld der Soziolinguistik angesiedelt und weist einen starken transdisziplinären Schwerpunkt auf. Im Laufe der Jahre hat sie sich konsequent mit antikolonialem und antikapitalistischem Denken auseinandergesetzt und dessen Beitrag zum Umdenken in der Soziolinguistik und in den Forschungspraktiken der Sozialwissenschaften untersucht. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Colonial and Decolonial Linguistics – Knowledges and Epistemes (zusammen mit Anne Storch und Nick Shepherd, 2020), Multilingualism and Linguistic Citizenship: Education, Narrative and Episteme (zusammen mit Quentin Williams und Tommaso Milani, 2022) sowie From Southern Theory to Decolonizing Linguistics (zusammen mit Sinfree Makoni, 2023).

Prof. Virginia Zavala

Virginia Zavala ist Professorin für Soziolinguistik an der Pontificia Universidad Católica del Perú (PUCP) in Lima. Ihre Forschung untersucht die Schnittstellen von Sprache und Ungleichheit anhand kritischer, ethnografischer und interdisziplinärer Ansätze, wobei ihr Schwerpunkt insbesondere auf den Anden und dem Quechua liegt. Sie ist Mitherausgeberin von Racialization and Language: Interdisciplinary Perspectives from Peru (Routledge, 2018) und des Handbook of Multilingualism (2. Auflage, Routledge, 2024). Zudem verfasste sie gemeinsam mit Harshana Rambukwella den Leitartikel für die Sonderausgabe Decolonising Decoloniality: Commentaries and Extended Conversations (International Journal of the Sociology of Language, 2025). Professorin Zavala hat zahlreiche Publikationen sowohl auf Spanisch als auch auf Englisch veröffentlicht und war Gastprofessorin an der University of Wisconsin–Madison, am Graduate Center der City University of New York und an der University of Pennsylvania. Von 2022 bis 2024 war sie Mitherausgeberin des Journal of Sociolinguistics.

Dr. Djouroukoro Diallo

Djouroukoro Diallo promovierte in Angewandter Linguistik an der Universität Bern. Er arbeitet als Koordinator der Plattform Initiative Afrique im Vizerektorat für Forschung und Innovation der Universität Bern. An der Universität Bern ist er außerdem assoziierter Forscher am Center for the Study of Language and Society (CSLS) und Dozent für Angewandte Linguistik sowie Deutsch und Französisch als Fremdsprachen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Mehrsprachigkeit und Sprachpolitik in Afrika, Diskursanalyse, Textanalyse, Medienanalyse und interkulturelle Kommunikation. Diallo ist Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Organisationen wie der Malian Society for Applied Sciences (MSAS), der Schweizerischen Gesellschaft für Afrikastudien (SSAS), der Gesellschaft für Interkulturelle Germanistik (GiG) und des Edinburgh Circle on the Promotion of African Languages. Er ist Herausgeber der neu gestarteten Zeitschrift Language Policy in Africa (LPiA), die am CSLS angesiedelt ist.