Keynote: Standard im Wandel, Wandel als Standard.
given by: Prof. Dr. Silvia Natale
Der Vortrag zeichnet in einem ersten Teil die aussergewöhnliche Sprachgeschichte des Italienischen nach, die sich grundlegend von jener anderer europäischer Nationalsprachen unterscheidet. Während diese häufig durch politische, administrative (s. Frankreich oder Spanien) oder religiöse Faktoren geprägt wurden (s. Deutschland), stand im italienischen Kontext bis weit ins 19. Jahrhundert hinein eine andere Leitfrage im Zentrum: Welche Varietät eignet sich als Sprache der Literatur? Standardsprachliche Überlegungen wurden lange Zeit primär unter ästhetischen Gesichtspunkten verhandelt, reale soziolinguistische Faktoren blieben dabei weitgehend ausgeklammert. Erst mit der (späten) Nationalstaatsgründung 1861 setzte eine Entwicklung ein, die das Italienische sukzessive in der Alltagskommunikation etablierte und allmählich eine Verdrängung der Dialekte aus den privaten Domänen einleitete. Erste Muttersprachlerinnen und Muttersprachler des Italienischen im Sinne von L1-Sprecherinnen und Sprechern wurden im Grunde erst im bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Dennoch vollzog sich die Ausbreitung des Italienischen als gesprochene Allgemeinsprache innerhalb weniger Jahrzehnte und kann daher, wie De Mauro (2011) es ausdrückt, als eine sprachliche «Revolution» beschrieben werden. Diese rasante Verbreitung setzte tiefgreifende sprachliche Prozesse in Gang, darunter die Italianisierung der Dialekte sowie die Ausbildung unterschiedlicher Formen des regionalen Italienischen (italiani regionali, cfr. Telmon 1990), also lokal gefärbter Ausprägungen des Standards. Seit den 1980er Jahren lässt sich zudem eine Phase der Restandardisierung beobachten, die zu einer komplexen Sprachsituation im Hinblick auf die Standardsprache geführt hat. Wie Cerruti und Vietti (2022) zeigen, existiert heute für das Italienische eine «double standard situation», in der zwei Standards mit z.T. unterschiedlichen funktionalen und strukturellen Ausprägungen nebeneinander existieren.
Der zweite Teil des Vortrags beschreibt die Entwicklungen der Restandardisierung genauer und fragt danach, wie sich das komplexe Gefüge des Standarditalienischen unter den Bedingungen einer mobilen und vernetzten Welt weiter verändert. Besonderes Augenmerk gilt dabei der neuen italienischen Migration innerhalb Europas und der Frage, wie sich Standardisierung, Variation und sprachliche Ideologien ausserhalb Italiens entwickeln. In diesem Zusammenhang wird auch das Forschungsprojekt MovIt vorgestellt, das sich mit der Produktion und Perzeption des Standarditalienischen im Migrationskontext befasst und neue empirische Einblicke in die Dynamik des Italienischen jenseits nationaler Grenzen liefert.
Literatur
- Cerruti, M., & Vietti, A. (2022). Identifying language varieties: Coexisting standards in spoken Italian. In K. Beaman & G. Guy (Eds.), The coherence of linguistic communities: Orderly heterogeneity and social meaning. Routledge.
- De Mauro, T. (2014). Storia linguistica dell’Italia repubblicana: Dal 1946 ai nostri giorni (1. Aufl.). GLF editori Laterza.
- Maraschio, N., & Matarrese, T. (2021). The Role of Literature in Language Standardization: The Case of Italy. In W. Ayres-Bennett & J. Bellamy (Eds.), The Cambridge Handbook of Language Standardization (pp. 313–346). chapter, Cambridge: Cambridge University Press.
- Natale, S., & Marzo, S. (2023). Standard and neo-standard in mobile communities: The case of German-speaking Switzerland. Italian Journal of Linguistics, 35(1), 213–232.
- Telmon, T. (Ed.). (1990). Guida allo studio degli italiani regionali. Edizioni dell’Orso.