Wann & Wo
Wann: 12. März 2026, 14:15-16:00
Wo: F022, Unitobler
Diese Vorlesung ist Teil der Ringvorlesung "Heritage Languages".
Abstract
Laut den neuesten Zahlen des Bundesamts für Statistik verwendet etwa 1 % der Schweizer Bevölkerung ab 15 Jahren (ca. 60.000 bis 70.000 Personen) regelmässig Rätoromanisch (Audergon, 2025). Überraschend mag anmuten, dass je nach Schätzung mehr als die Hälfte der Sprecher:innen nicht im «traditionell-angestammten» Sprachgebiet leben, sondern in der sogenannten rätoromanischen Diaspora. Das heisst also in deutsch- oder italienischsprachigen Teilen Graubündens, gar im Ausland oder in anderen Kantonen der Schweiz, wobei insbesondere die Deutschschweizer Städte als Wohnort sehr beliebt sind. Ausserhalb des traditionell-angestammten Gebiets ist Rätoromanisch grundsätzlich eine Herkunftssprache für Kinder von Eltern, die inländisch aus einem rätoromanischen in ein anderssprachiges Gebiet migriert sind, wobei es aber kaum je so im öffentlichen Diskurs bezeichnet wird.
Im ersten Teil des Vortrags wird die inländische Migration der Elterngeneration nach einer kurzen Einführung in das Rätoromanische und seine soziolinguistische Situation genauer beschrieben. Im Fokus steht dabei die soziologische Frage, welche Bevölkerungsgruppen insbesondere mobil sind und warum. Zudem wird die Migration als kein abrupter, sondern als gradueller Prozess mit verschiedenen Stadien beschrieben, die mit ideologisch-identitären und netzwerkbezogenen Faktoren zusammenhängen (Büchler, i. Ersch.).
Auf Basis dieser Überlegungen wird im zweiten Teil die Weitergabe des Rätoromanischen als Herkunftssprache in der Deutschschweiz beleuchtet. Ausgangspunkt bildet hierbei eine qualitative Studie des Instituts für Kulturforschung Graubünden zur sprachlichen Situation rätoromanischer Familien ausserhalb des Sprachgebiets (Cathomas et al., 2024). Die Ergebnisse zeigen, dass die Weitergabe des Rätoromanischen unter diesen Bedingungen besonders fragil ist, da Deutsch in den meisten gesellschaftlichen Bereichen dominiert und ausserhalb der Familie nur wenige Gelegenheiten zur Verwendung des Rätoromanischen bestehen. Gleichzeitig kommt der innerfamiliären Sprachpraxis eine zentrale Bedeutung zu, insbesondere der Quantität des rätoromanischen Inputs sowie der Rolle von Elternteilen, die Rätoromanisch nicht als Erstsprache sprechen. Darauf aufbauend thematisiert die Vorlesung aktuelle Forschungsarbeiten eines laufenden Projekts zur Family-Language-Policy in rätoromanischen Familien der Deutschschweiz. Im Fokus steht, wie rätoromanische Familien die Sprachweitergabe im Alltag aushandeln und welche Rolle Familiensprachdynamiken dabei spielen.